Begegnung
Ich habe nur ein einziges Mal in meinem Leben geliebt. Und es war auch das einzige Mal, dass ich eine Beziehung geführt habe.
Eine sehr fragwürdige Beziehung, ja, aber es war eine Beziehung.
Das Wesentliche vorweg:
Ich bin ein sehr bindungsunfähiger Mensch. Das Problem liegt darin, dass ich aufgrund meiner früheren Traumata immer und zu jeder Zeit die Kontrolle über das behalten muss, was mit mir geschieht. Das ist auch der Grund dafür, dass ich keinerlei Nähe zulassen kann, egal, wie sehr ich es mir jemals gewünscht habe.
Ich meine damit nicht nur die große, alles umfassende Nähe. Nein, ich meine auch jene Nähe, die eigentlich ganz winzig klein ist.
Meine Kontrolle muss hundertprozentig sein. Meine Kontrolle ist mein Schutz, meine Sicherheit. Sie ist die Einlasskarte zu meiner individuellen Freiheit.
Doch genau diese Art von Kontrolle verhindert auch die Liebe. Denn Liebe bedeutet Nähe, und Nähe bedeutet Kontrollverlust.
Und dann lernte ich Holdin, wie ich ihn hier nennen möchte, kennen.
Was für ein Kerl!
Optisch gefiel er mir von Anfang an. Sein Körperbau zeigte seine ganz eigene Art von Kontrolle und Disziplin. Durch und durch trainiert. Und dann dieses Lächeln! Und erst seine Augen! Wunderschön und so blau wie …
Ja, da fange ich bereits an zu schwärmen wie ein frisch verliebter Teenie.
Andererseits konnte mir die grandiose Optik mancher Männer nie etwas anhaben. Auch bei ihm war das so. Natürlich war er gut gebaut, aber was sagt das am Ende schon aus? Mir gefallen Männer ganz und gar nicht, wenn sie mit dem Fitnessstudio verheiratet sind.
Und natürlich waren seine Augen wunderschön. Doch was nützen schöne Augen, wenn man den Blick nicht einzusetzen vermag? Was nützen markante Gesichtszüge, wenn die warme Strenge aller Muskeln und Fasern im geeigneten Augenblick ausbleibt?
Es war die Art, wie er mich ansah, bereits bei unserer ersten Begegnung. Es war seine ganz eigene Methode, meine Knie zum Zittern zu bringen.
Und obendrein war er auch noch ein Sadist.
Gehen oder Bleiben?
„Ach so“, wird so manch einer denken. „Ja, natürlich! Deswegen wird man ja auch masochistisch, um eben auch mal die Kontrolle ablegen zu können.“
Oder?
Nein, ganz so einfach ist es wohl doch nicht. Das mag auf so manchen Manager zutreffen, der im Job und vielleicht auch daheim in einem ungewöhnlich hohen Maße die Kontrolle behalten muss. Aber ganz bestimmt nicht auf eine Frau, die diese Kontrolle deshalb zu hundert Prozent braucht, weil sie Angst davor hat, dass jede Verletzung sie umbringen könnte.
Ich war auch keine gewöhnliche Masochistin. Als chronische Schmerzpatientin brauchte ich keinen zusätzlichen Schmerz, um sexuelle Lust zu verspüren.
Als ich jedoch Holdin sah und auch noch erfuhr, dass er ein Sadist war, wurden wohl doch einige merkwürdige Facetten meiner selbst geweckt, die in der folgenden Beziehung zumindest in Ansätzen masochistisch gewesen sein mögen.
Nein, es war nicht die Lust auf Schmerz. Es war das lautlose Flehen nach jemandem, der meiner Kontrolle etwas entgegenzusetzen vermochte.
Denn ich wollte Nähe. Und wie ich sie wollte!
Ich wollte Geborgenheit, ich wollte Harmonie, ich wollte geliebt werden und lieben. Doch ich konnte nicht. Die Angst war zu groß.
Sie war so groß, dass ich – selbst wenn er es als aktiver Part geschafft hatte, Nähe zu erzeugen – wieder weglief.
Immer und immer wieder lief ich fort, doch er ließ mich nie wirklich los. Eine Hand hielt mich immer fest, egal, wie rabiat ich geflohen war.
Es waren immer dieselben Abläufe: Ich floh, stieß ihn von mir und verschwand. Das brachte Ruhe und Sicherheit.
Doch je sicherer ich mich fühlte, desto stärker wurde die Sehnsucht nach Holdin wieder spürbar.
In solchen Momenten half mir seine offene, hingehaltene Hand. Es dauerte dann auch gar nicht mehr lange, und ich war wieder bei ihm.
Doch nie für lange. Dann begann der Kreislauf von vorn, denn mein traumatisch geprägtes Schutzsystem geriet mit meinem tiefen Bindungsbedürfnis in Konflikt.
Ich glaube, das können wirklich nur jene Menschen nachempfinden, die einen solchen Konflikt kennen. Tragischerweise ahne ich, dass das auf sehr viele Menschen zutrifft.
Rein psychologisch war es allerdings eine interessante Konstellation, zu wissen, dass es da immer eine hingehaltene Hand gab.
Wenn eine Flucht die Angst unmittelbar reduziert, kann das Gehirn lernen: Weggehen schützt mich.
Man nennt diesen Lernmechanismus negative Verstärkung.
Das bedeutet, dass ich später vielleicht gar nicht mehr die Trennung an sich wollte. Mein Nervensystem aber erfuhr durch mein Weggehen vorübergehend Entlastung, und genau diese Erfahrung hatte sich tief eingeprägt.
Ich erinnere mich daran, dass Holdin einmal zu mir – scheinbar beiläufig – sagte:
„Meine Güte, du hast ja noch sehr viel mehr Angst vor Nähe als ich.“
Das war das erste Mal, dass ich damit konfrontiert wurde, wie menschlich der Mann war, in den ich mich zutiefst verliebt hatte.
| Ein kleiner Einschub, bevor ich weiterschreibe: Einigen wird sicherlich auffallen, dass ich mit sehr viel innerem Abstand über diese Beziehung schreibe. Dieser Eindruck täuscht nicht. Die Beziehung zu Holdin war die letzte meines bisherigen Lebens – und wird vermutlich auch die letzte bleiben. Sie liegt inzwischen fast zwanzig Jahre zurück. Die Angst, von der ich in diesem Artikel erzähle, wurde am Ende so übermächtig, dass sie mich die Liebe meines Lebens kostete. Je mehr ich ihn liebte, je näher wir uns kamen und je tiefer unsere Verbundenheit wurde, desto bedrohlicher wurde für mich die Vorstellung, ihn eines Tages zu verlieren. An dieser Angst ist unsere Beziehung schließlich zerbrochen. |
Sadismus oder der Gegenpart meiner Angst?
Es gibt kein „oder“. In meiner Beziehung waren Sadismus und das Gegenspiel meiner Angst ein und dieselbe Aktivität.
Ich werde hier natürlich keine sadistischen Praktiken beschreiben, auch wenn sie im BDSM-Kontext stattgefunden haben. Ich werde sie schon allein deswegen nicht beschreiben, weil meine Seite auch von PTBS-Betroffenen besucht wird, die in der Beschreibung trotz des bestehenden Konsenses nicht einvernehmliche Gewalt wahrnehmen könnten.
Was ich aber sagen kann: Nicht ich habe meinen Widerstand überwunden. Holdin war es, der ihn überwunden hat.
Ich habe meine Kontrolle nicht freiwillig abgegeben, so wie einen Mantel an der Garderobe. Meine Kontrolle war so tief in mir verankert, dass ich sie selbst gar nicht einfach loslassen konnte.
Doch ich habe Ja zum Gegenpart meiner Angst gesagt, und darin lag die Einvernehmlichkeit.
Erst durch den Schmerz, das Kämpfen und das Ausgeliefertsein konnte dieser innere Widerstand zusammenbrechen oder sich zumindest vorübergehend auflösen.
Es gab im Nachhinein Momente, in denen ich auf Holdins Körper ruhte, wie in einem Brutkasten: geborgen, klein, ganz winzig, zufrieden und entspannt.
Dieser Mann hatte die Barriere zur Seite geschoben, und zum Vorschein kam ein so weiches Wesen, das ich zuvor niemals hatte kennenlernen und erst recht nicht hatte sein dürfen.
Plötzlich musste ich mich nicht mehr schützen, nicht mehr verteidigen. Meine Seele, ja, fast schon der Kern meiner Seele, lag offen da, und er ging ganz zaghaft und liebevoll damit um.
| Am Ende dieses kleinen Kapitels möchte ich noch einmal ausdrücklich betonen, dass es zu keinem Zeitpunkt zu nicht einvernehmlicher Gewalt (NonCon) gekommen ist. Den Praktiken, die innerhalb unserer Beziehung stattgefunden haben, hatte ich zuvor ausdrücklich zugestimmt – im vollen Bewusstsein darüber, wie brisant diese Erfahrungen angesichts meiner traumatischen Vorgeschichte sein konnten. Ich wusste, worauf ich mich einließ. Ich hatte Ja dazu gesagt. Und ich wollte es genau so. |
Ausgeliefert
Eine Praktik möchte ich doch schildern.
Und zwar bat er mich darum, auf einem Stuhl Platz zu nehmen.
Als ich sah, dass er mit Bondage-Seilen ankam, erschrak ich, doch ich wollte es versuchen.
Während er mich fixierte, sagte keiner von uns beiden ein Wort. Er war sehr ruhig, sehr geübt in dem, was er tat, und ich spürte durchaus seine Zaghaftigkeit. Doch ich spürte auch, wie meine Angst begann, aus der Dunkelheit hervorzukommen und sich mir zu zeigen.
Nachdem ich fixiert und kaum noch bewegungsfähig war, flossen meine Tränen, und ich begann zu zittern. Doch ich bat ihn nicht darum, aufzuhören, was er in jedem Fall getan hätte. Ich flehte ihn einzig und allein an, mir nicht weh zu tun.
Und nein, er tat mir nicht weh. Im Gegenteil.
Er ging direkt vor mir in die Hocke und nahm meine zitternde Hand, die er zu streicheln begann. Noch immer sagte er kein Wort. Er sah mich einfach nur an, und in seinem Blick erkannte ich nichts als Liebe.
Trotzdem: Ich hatte mit dieser Aktion meine Kontrolle, die ich zu hundert Prozent brauchte, gefühlt zu hundert Prozent verloren.
Mein Körper zitterte immer heftiger, und ich weinte nicht nur, ich schluchzte jämmerlich.
Leise und vorsichtig begann er, mich zu entfesseln, woraufhin ich sofort in seine Arme stürzte.
Diese Erfahrung war sehr wertvoll für mich. Erst da begriff ich, wie elementar es für mich ist – und immer gewesen ist –, die Kontrolle zu behalten.
Zwei Seiten derselben Medaille
Er war Sadist, ich war in Teilen Masochistin, und doch waren wir uns auf eine geradezu erschreckende Art und Weise ähnlich.
Er vertraute mir einmal an, dass auch er Nähe fürchtete. Die einzige Möglichkeit, Nähe zu fühlen, bestand für ihn darin, als Sadist den masochistischen Menschen zu beobachten und anzuschauen. Dann fühlte er sich dem Menschen, den er liebte, wirklich nahe.
So wie ich hatte auch er große Probleme damit, die Kontrolle zu verlieren oder abzugeben. So wie ich versuchte auch er, durch Wissen eine Form von Macht zu erlangen, die sich gegen jede Form der Ohnmacht richtete. So wie ich war auch er eher ein Einzelgänger, introvertiert und in großen Gesellschaften nahezu in sich gekehrt.
Er verabscheute Unaufrichtigkeit, so wie ich.
Er verabscheute Oberflächlichkeit, so wie ich.
Er verabscheute es, wenn Menschen mit Blumen auf dich zukamen und hinter ihrem Rücken eine Waffe hielten.
So wie ich.
Manchmal sprachen wir stundenlang darüber, wie wir mit der Welt umgingen und wie wir bestimmte Dinge empfanden. Und dann lachten wir, weil wir merkten: Schon wieder eine Gemeinsamkeit.
Das gab mir ungemein viel Vertrauen, doch paradoxerweise stieg im gleichen Atemzug auch die Angst vor Verlust.
Holdin und ich waren zwei unterschiedliche Seiten ein und derselben Medaille.
Ich glaube, dass er durch seinen Sadismus etwas zu kompensieren versuchte, so wie ich durch meinen Masochismus
Zumindest ihm gegenüber, denn nur bei ihm war ich Masochistin.
PTBS mit dissoziativen Zuständen
Sehr viel später – also lange Zeit nach der Beziehung – sagte ich einmal: „Für diese zwei Jahre hat es sich zu leben gelohnt.“
Bei Holdin war ich zu Hause. Er drang bis zum Kern meines Wesens vor, um es metaphorisch zu formulieren.
Man darf auch nicht vergessen, dass ich eine PTBS mit dissoziativen Zuständen beziehungsweise eine dissoziative Identitätsstörung (DIS) habe. Die Diagnose DIS erhielt ich neben der PTBS in zwei unterschiedlichen Krankenhäusern (seit meinem letzten Krankenhausaufenthalt in diesem Jahr sind es sogar drei).
Natürlich blieb es nicht aus, dass Holdin die kindlichen Anteile in mir kennenlernte.
Da war die ewig Fragende, die ihm Löcher in den Bauch fragte und nicht lockerließ, bevor er ihr nicht aufrichtig und ernsthaft geantwortet hatte.
Dann war da die etwas Kleinere, die genauso wissbegierig war, die aber immer dann, wenn keine Antwort kam oder eine, die sie nicht zufriedenstellte, einfach zur nächsten Frage überging.
Ich hatte keine Sorge, dass er mich deswegen weniger lieben würde. Ganz im Gegenteil. Er schien damit so selbstverständlich umzugehen, dass es auch für mich selbstverständlich wurde.
Er zeigte den Kindern die Welt, und indirekt zeigte er sie damit auch mir.
Es passierte sehr oft, dass ich durch die Augen der Kinder die Welt in Farbe sah. Zwar erschien sie größer, aber auch bedeutend schöner. Nicht so grau in grau, sondern wirklich farbenfroh.
War ich in diesen kindlichen Zuständen mit Holdin unterwegs, veränderte sich meine gesamte Wahrnehmung. Seine Schritte wurden größer, seine Hand fühlte sich riesig an, und die eigentlich kurzen Straßen wurden sehr viel länger.
Die Tatsache, dass Holdin die anderen Zustände in mir so selbstverständlich in seinen Alltag aufnahm und integrierte, war für mich damals ein sehr großer Schritt, um meine DIS anzunehmen und nicht mehr als Gefahr zu betrachten.
Seitdem habe ich angefangen, meine anderen Seiten, wie ich sie auch gerne nenne, lieb zu haben. Und das blieb auch nach meiner Zeit mit Holdin so.
Meine PTBS ist ein Biest
Müsste man nicht annehmen, dass die Angst bei so vielen wunderbaren Erfahrungen kleiner wird?
In der Regel schon, aber die Logik meiner Bindungsstörung – Teil meiner PTBS – ist eine andere.
Hatte ich anfangs lediglich Angst davor, so sehr verletzt zu werden, dass es mich umbringen könnte, begann das Gesicht der Angst nun immer fassbarer zu werden. Immer deutlicher und immer radikaler.
Die Angst davor, verlassen, verletzt oder enttäuscht zu werden, wuchs und wuchs, und sie schien mich buchstäblich verschlingen zu wollen.
Ich wurde mit einem inneren Drang konfrontiert, ihn nicht nur zurückzustoßen, sondern mich unumkehrbar von ihm zu trennen.
Nein, das waren keine bewussten Gedanken. Erst später konnte ich meinen inneren Drang verstehen und analysieren. In den damaligen zwei Jahren unserer Beziehung passierte das meiste einfach nur.
Es war irgendwann keine Angst mehr, die ich hatte, sondern ich WAR die Angst. Alles bestand nur noch aus Angst.
Natürlich hört sich das widersprüchlich an. Wieso will man sich trennen, wenn man Angst davor hat, verlassen zu werden?
Die Logik aber ist ganz einfach: Wer selbst verlässt, kann nicht mehr verlassen werden.
Auch das wurde mir erst viel später bewusst.
Und irgendwann geschah es.
Ich weinte, weil die Angst schon wieder ein schier unerträgliches Ausmaß angenommen hatte. Er hielt mir wie gewöhnlich seine Hand hin. In all den zwei Jahren hatte sich nie etwas an der Liebe geändert, mit der er dies getan hatte. Aber nun änderte sich etwas bei mir.
Ich schrie ihm ins Gesicht:
„Du hast mich zwei Jahre immer nur missbraucht!!“
Das wars.
Seine Mimik versteinerte sich, sein Blick wurde finster.
In diesem Moment wusste ich nicht, warum ich das sagte. Erst später fiel mir auf, dass das, was ich ihm vorwarf, das Schlimmste war, was man einem Sadisten, der seinen Sadismus im Konsens praktiziert, vorwerfen konnte.
Ich glaube, heute zu wissen, dass ich es ihm genau deswegen vorgeworfen habe. Denn nun gab es kein Zurück mehr. Egal, wie oft ich zurückwollte, egal, wie viel Sehnsucht ich haben würde – nun, das war sicher, war es für ihn vorbei.
Die hingehaltene Hand war fort.
Es geschah so lautlos.
Ich hatte ihn so tief verletzt, denn natürlich hatte er mich nicht einmal den Bruchteil einer Sekunde jemals missbraucht. Doch er sagte kein Wort.
Er war nun derjenige, der ging.
Und wir haben uns seitdem niemals wiedergesehen, gehört oder geschrieben.